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Verenas Suchtgeschichte

Wie bei fast allen Alkoholikern, so fing auch bei mir der Übergang vom Alkoholmissbrauch hin zur Sucht schleichend an. Alkohol war nicht nur dabei, wenn ich mit Freundinnen um die Häuser zog, sondern auch immer mehr im Alltag. Nach der Arbeit Wein oder Bier kam erst sporadisch vor und wurde dann fester Bestandteil meines Abends.

Ich litt zudem seit meinem Abi unter wiederkehrenden Depressionen und später unter monatelang permanenten Angstgefühlen, die ich natürlich auch mit Alkohol betäubte. Zu der Zeit war ich etwa 27 J. Und arbeitete in einer Werbeagentur. Dem Leistungsdruck dort, ständigen Überstunden und Dauerstress war ich nicht gewachsen, zudem ich halt wie gesagt parallel mit diesem Dauer-Angstgefühl zu kämpfen hatte. Die Zeit war für mich die Hölle. Ich hielt tagsüber die funktionierende Maske aufrecht, doch sobald meine Wohnungstür zu war, hätte ich heulen können. Ich brauchte Alkohol um zumindest etwas runterzukommen und schlafen zu können.

Auch ein Jobwechsel schaffte nur vorübergehend etwas Erleichterung, der abendliche Griff zur Flasche blieb. Die Trinkmenge hatte sich auf gut 1,5 – 2 Flaschen Wein eingependelt. Mein Vertrag war ohnehin befristet, mir war klar, ich würde dort nicht bleiben (auch nicht bleiben wollen) und so orientierte ich mich voll und ganz auf eine Zukunft in Hamburg, wo mein damaliger Partner lebte. Dort neu anzufangen schien mir die Lösung und die sichere Aussicht auf ein glücklicheres Leben. Da wir eine Fernbeziehung führten, hatte er (zumindest soweit ich weiß), nichts von meinem Alkoholproblem bemerkt.

Schwarzes Loch ohne Perspektive

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Es hat mir völlig den Boden unter den Füßen weggerissen, als er im Sommer 2015 plötzlich unsere Beziehung beendete. Nervenzusammenbruch, völlige Perspektivlosigkeit, Depressionen, Verzweiflung und immer mehr Alkohol…

Mein Job lief im Herbst regulär aus – nix neues war in Sicht. Meine Tagesstruktur verschwand völlig und die Tage wurden zu einem zähen Brei mit verschwommener Wahrnehmung, vielen Tränen und noch mehr Alkohol. Ich hatte keinen Lebensmut mehr. Dafür umso stärkere Entzugserscheinungen und körperlich baute ich genauso ab wie psychisch.

Blut zu kotzen ist ein ganz schöner Schreck.. Meinem Hausarzt erzählte ich dann als erstes, dass ich verdammt viel trank und er riet mir, die Suchtambulanz der LWL aufzusuchen. Das tat ich. Mir dämmerte ja längst, dass ich wohl abhängig bin und Hilfe brauchte. Und es konnte schließlich nur noch besser werden. Ich war nicht suizidal, aber viel gefehlt hat auch nicht.

Beginn eines neuen Lebens

So fing ich am 5.11.2015 meine Entzugsbehandlung an und schloss eine 15wöchige stationäre Entwöhnung in der Wiehengebirgsklinik Bad Essen an. Seitdem lebe ich rückfallfrei trocken. Besser gesagt: seitdem LEBE ich erst.

Denn in der Therapiezeit konnte ich überhaupt erst in Kontakt mit mir selber kommen. Herausfinden, wer ich eigentlich bin, was ich will und was mir gut tut. Ich hatte vorher NULL Selbstwertgefühl, ein völlig übersteigertes Leistungsdenken und Ansprüche an mich selbst. Sicherheit und Bestätigung fand ich NUR im Außen – nie in mir selbst.

Selbsthilfe als fester Bestandteil meines Lebens

Ich fing direkt nach meiner Langzeittherapie an, die Kreuzbundgruppe in Münster-Roxel zu besuchen und die Gruppenstunden sind seitdem fester Bestandteil meines Alltags. Der Austausch mit Gleichgesinnten, die genau wissen und nachfühlen können, was ich erlebt habe, ist unheimlich wertvoll und hilfreich beim Trockenbleiben! Die bedingungslose Akzeptanz untereinander, die tollen Menschen und die ehrlich-offenen Gespräche tun einfach gut. Ich habe auch außerhalb der Gruppenstunden immer einen Ansprechpartner und die gegenseitige Unterstützung ist total klasse und stets konstruktiv.

Und bevor jemand denkt, unsere Gruppenstunden wären eine staubtrockene Sache: es wird unheimlich viel gelacht! Klar geht’s auch um Probleme und ernste Angelegenheiten, aber trotz alldem überwiegt die Lebensfreude und die Lust aufs suchtfreie Leben!

Wie aus Negativem, Positives erblüht

Dass meine Sucht mal die Basis meiner beruflichen Existenz wird, hätte ich mir selbst nicht träumen lassen. Ich bin Medienfachwirtin Digital, war aber immer fest überzeugt, Selbständigkeit sei nichts für mich. Viel zu riskant; ich bin gar nicht gut genug dafür; für eine Gründung braucht man total viel Geld und was, wenn ich mal krank werde?!?!

Tja, als Süchtige BIN ich schon unheilbar krank. Also warum nicht aus der Not eine Tugend machen und meine Kreativität mit meiner Erfahrung aus Sucht und Selbsthilfe verbinden?! Heute mache ich Öffentlichkeitsarbeit speziell für Selbsthilfegruppen und -organisationen.

Ich darf faszinierende Menschen, die sich selbst ihrer Erkrankung stellen, auf Augenhöhe beim Marketing unterstützen und dafür sorgen, dass Betroffene und Hilfsangebote besser zueinanderfinden. WOW!

Meine Botschaft: Auch in dir lebt ein Phoenix!

Aus meiner Asche bin weit kraftvoller auferstanden, als ich ohne meine Sucht geworden wäre. Davon bin ich fest überzeugt und ich bin heute wirklich dankbar für meine Suchterkrankung. Sie gab mir die Chance, mir selbst nah zu kommen und mir ein authentisches und lebenswertes Leben aufzubauen. Ich weiß nicht, was das Leben noch so für mich bereit hält oder wohin mich mein Weg noch führt. Aber es ist MEIN Weg und ich werde ihn aufrecht und suchtfrei gehen bis zum Schluss.