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Mythen und Irrtümer rund um Alkohol

Es gibt unzählige Alkoholmythen und weit verbreitete Irrtümer, rund um Alkohol. Warum sie sich, trotz teilweise eindeutig nachgewiesener Widersprüche dennoch so hartnäckig in den Köpfen der Menschen halten, mag an unterschiedlichen Faktoren liegen. 

Zum einen setzt die Alkohollobby alles dran, die positiven und vermeintlich gesundheitsfördernden Wirkungen des Alkoholkonsum durch selbstfinanzierte Studien und Lobbyarbeit zu betonen und Gefahren herabzuspielen. Zum anderen kommen einem Dinge und Glaubenssätze subjektiv wahrer vor, wenn man sie nur oft genug so gehört hat oder sie von (vermeintlichen) Experten so kommuniziert werden. 

Mit einigen Alkoholmythen und Irrtümern möchte ich an dieser Stelle aufräumen:

Mythos: Alkohol verkocht

Alkohol im Essen bewusst zu erkennen ist nicht nur wichtig für suchtkranke Menschen, sondern auch von großer Bedeutung für Kinder und Schwangere.  Rotweinsauce, Coq au Vin, Käsefondue, Weißweinsauerkraut oder Risotto mit einem Schuss Wein… Mit Alkohol zu kochen, soll Genuss suggerieren und die Speisen durch Zugabe des „edlen“ Weines oder Likörs aufwerten.

Dabei fällt selbst von ausgebildeten Köchen oft der Satz: „Ach, das bisschen Alkohol macht doch nichts, das verkocht doch!“ NEIN. Zwar verdunstet Alkohol bei etwa 78 Grad Celsius, kochst du jedoch Speisen, die Fette enthalten, wird sich der zugegebene Alkohol mit diesen Fettmolekülen verbinden und NICHT verkochen. Nach einer Kochzeit von 15 Minuten sind immer noch gut 40% des Alkohols übrig, nach 30 Minuten 35% und selbst nach 2,5 Stunden finden sich noch 5% des zugegebenen Alkoholgehalts.

Selbst wenn das in Gramm reinen Alkohols umgerechnet je Portion eine gering klingende Restmenge ergibt, ist es wichtig, diesen Restalkoholgehalt dennoch im Kopf zu behalten, wenn Kinder, Schwangere oder Menschen mit Suchtproblem mitessen. Ist es dir wichtig, keinen Alkohol zu dir zu nehmen (sei es aus gesundheitlichen oder religiösen Gründen), egal ob in flüssiger oder gekochter Form, dann hast du hier eine Entscheidungsmöglichkeit und kannst beitragen, mit dem Irrglauben, Alkohol würde verkochen, aufzuräumen.

Mythos: Rotwein ist gut für´s Herz

Kann ein Nervengift gut für´s Herz sein? Glaubt man den vielzähligen Studien über die angeblich so positiven Wirkungen des Rotweins für Herz und Kreislauf, die in schöner Regelmäßigkeit von der Alkohollobby finanziert und proklamiert werden, könnte man das durchaus glauben.

 

Nicht der Wein, sondern die darin enthaltenen Flavonoide wirken sich positiv auf das Herz aus. Flavonoide sind sekundäre Pflanzenstoffe, denen eine antioxidative und zellschützende Wirkung zugeschrieben wird. Zudem wurden in Tierversuchen weitere positive Effekte nachgewiesen: Linderung von Entzündungen, Senken des Blutdrucks, Stärkung des Immunsystems und eine schützende Wirkung vor Krebserkrankungen.

Gesunde Quellen für Flavonoide:

Flavonoide sind also wahre Alleskönner, mit denen du deinem Körper etwas Gutes tun kannst – sofern du auf andere Quellen als Rotwein zurückgreifst. 😉 

Mythos: Schnaps fördert die Verdauung

Was dem Magen wirklich hilft, um gut zu verdauen:

Ein (Kräuter-)Schnaps nach einem schweren Essen, soll vermeintlich die Verdauung anregen und Völlegefühl lindern. Der Absacker, Digestif, Magenbitter oder Verdauungsschnaps ist jedoch hierfür keine Hilfe. Auch wenn subjektiv zunächst ein wohliges Gefühl in der Magengegend wahrgenommen wird. Dies rührt jedoch daher, dass sich die Muskeln des Magens durch den Alkohol etwas entspannen, doch daraus zu schließen, dass die Verdauung vom Alkohol profitiert, ist FALSCH.

Ganz im Gegenteil: statt die Verdauung von fettem und schwerem Essen zu fördern, bringt der Alkohol deinen Körper zunächst dazu, sich vorrangig um den Abbau des Giftstoffes Alkohol zu kümmern. Der Alkohol belastet den Magen zusätzlich und verlängert die Zeit, in der der Speisebrei in deinem Magen verbleibt (und währenddessen Sodbrennen, unangenehme Gase und Blähungen produzieren kann).

Mythos: risikofreier Alkoholkonsum ist möglich

„Die Dosis macht das Gift“, heißt es gemeinhin. Und in schöner Regelmäßigkeit findet man Zeitungsberichte und Onlineartikel, die diskutieren, ab welcher Menge Alkohol schädlich sei, wo riskanter Alkoholkonsum anfange oder wie viel man „unbedenklich“ konsumieren könne. 

Es werden gewisse Trinkmengen und -häufigkeiten proklamiert, die das Gefahrenpotential des Alkohols kontrollierbar und vertretbar darstellen, die mich jedoch eher an die Trinksysteme und Kontrollversuche aus meiner nassen Zeit erinnern: á la „wenn ich nur am Wochenende / nicht vor einer bestimmten Uhrzeit / nur in Gesellschaft / und nur eine bestimmte Menge trinke, usw. habe/bekomme ich keine Probleme“. (Spoiler: hat nicht funktioniert.. 😉 )

Alkohol ist AB DEM ERSTEN TROPFEN ein Nervengift, das auf vielfältige negative Art den Körper und die Psyche beeinflusst. Und das auch unterhalb der gängigen Unbedenklichkeits-Empfehlungen. Krebsexperten sind sich zudem einig, dass Alkoholkonsum einer der stärksten und vermeidbarsten(!) Auslöser für Krebserkrankungen ist: Eine Studie der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) kam 2021 zu dem Ergebnis, dass schätzungsweise 22.000 Krebsneuerkrankungen in Deutschland im Jahr 2020 auf den Konsum von Alkohol zurückzuführen sind.

Nur weil der Körper enorm anpassungsfähig ist und erstaunliche Toleranzen entwickeln kann, heißt das nicht, dass Alkohol (egal in welcher Menge) risikofrei wäre. Das perfide ist, dass er (und seine Lobby) alles tut, um den Menschen das glauben zu machen, seine Gefahren herabzuspielen und die Konsumierenden in (falscher) Sicherheit zu wiegen. Solange bis es zu spät ist..

Mythos: Alkohol hilft beim Einschlafen

Alkohol als Einschlafhilfe zu missbrauchen, habe ich lange Jahre selbst gemacht. Nach 1-2 Gläsern Flaschen Wein ist eine gewisse Bettschwere auch nicht mehr zu leugnen. Es scheint also zunächst durchaus so, dass der Übergang in den Schlaf erleichtert wird. Im Laufe der Nacht verkehrt sich der Effekt jedoch deutlich ins Gegenteil: eine erholsame Schlafqualität wird durch den Alkohol verhindert.

Alkohol stört den Schlaf-Wach-Rhythmus, da selbst moderate Alkoholmengen vor dem Schlafengehen die Produktion des Hormons Melatonin verringern. Melatonin ist wichtig für die innere Uhr und einen ruhigen Schlaf.

Alkohol beeinträchtigt die Atmung im Schlaf, da die er auch im Hals- und Rachenbereich eine entspannende Wirkung auf die Muskeln hat. So wird Schnarchen verstärkt und eine vorhandene Neigung zu Atemaussetzern (Schlafapnoe) ungüngstig gefördert. Folge: Sauerstoffmangel und du wachst gerädert und nicht gerade erholt auf.

Alkohol erschwert das Durchschlafen, da der Körper und die Leber (auch nachts) auf Hochtouren laufen, um den Giftstoff Alkohol wieder abzubauen. Die Folgen können nächtliche Schweißausbrüche, häufigeres Aufwachen und unruhiger Schlaf, sowie nächtlicher Harndrang sein.

Alkohol fördert den Tiefschlaf, verhindert jedoch die wichtigen REM-Schlafphasen. Dies sind die Nachtphasen, in denen Träume vorkommen und in denen die Verarbeitung von Erlebtem stattfindet. Ein Mangel an REM-Schlaf kann Konzentration, Gedächtnisleistungen und die motorischen Fähigkeiten negativ beeinflussen.

Träumst du nachts? Wieder Träumen zu können und morgens energiegeladen statt gerädert aufzuwachen, ist eine der schönsten „Nebenwirkungen“ meines abstinenten Lebens. 

Mythos: Alkohol hält warm

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Auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein trinken, lässt die winterliche Kälte gleich weniger stark wahrnehmbar werden. Auch ein Wärmegefühl nach einem Glas Sekt oder Wein kennen sicherlich viele. Doch dies ist nur eine subjektive Wahrnehmung, da Alkohol die Blutgefäße erweitert. So gelangt mehr Blut aus dem Körperinneren in die äußeren Bereiche, lässt z.B. Wangen erröten und ein Gefühl von Wärme wahrnehmen.

 

Ein Wahrnehmungsfehler, der schnell gefährlich werden kann! Vor allem für obdachlose Menschen und alkoholisierte Personen, die bei Kälte einschlafen, besteht die Gefahr von Unterkühlungen, Erfrierungen oder Kältetod. Bei Kälte reduziert der Körper die Blutzirkulation und hält vor allem die lebenswichtigen Organe in der Körpermitte warm. Alkoholkonsum verkehrt diesen Effekt ins Gegenteil, sodass bereits eine halbe Flasche Wein ausreicht, die Körpertemperatur um ein halbes Grad zu senken. Stärkerer Alkoholkonsum verstärkt diese Wirkung zusätzlich.

Mythos: geringerer Alkoholgehalt = weniger schädlich

Getränken mit hohem Alkoholgehalt wird fälschlicherweise oft eine höhere Schädlichkeit zugeschrieben, als Getränken mit geringerem Alkoholgehalt. „Harter Alkohol“ wie z.B. Schnaps, Liköre, Vodka, Whisky & Co. sei demnach gefährlicher als vermeintlich harmloses Bier, Mischgetränke, Wein etc. Ein Irrglaube, der sich in der Verniedlichung des „Feierabendbierchens“ oder „Sektchens“ genauso wiederspiegelt, wie in unterschiedlichen Altersgrenzen für den Kauf von Alkoholika.

Die zellschädigende Wirkung von Alkohol setzt jedoch bereits ab dem ersten Tropfen ein und entscheidend ist viel mehr die Gesamtmenge des aufgenommenen Alkohols, weniger die Getränkeart. Heißt: Ob man 300 ml Bier trinkt, 125 ml Wein oder 40 ml Whisky, spielt keine Rolle – in allen drei Getränken ist die gleiche Menge Reinalkohol enthalten.

Mythos: Ein wenig Alkohol ist auch in der Schwangerschaft ok

Selbst von manchen Ärzten und Hebammen hört man mitunter, mal ein Gläschen Alkohol sei auch für Schwangere ok und würde dem ungeborenen Baby nichts anhaben können. Gegen Ende der Schwangerschaft, sei es „ohnehin fast fertig“ ausgebildet und Alkoholkonsum daher ohne großes Risiko möglich. Ein fataler Irrglaube!

Alkohol ist ein absolutes NoGo während der Schwangerschaft und schädigt das Ungeborene bereits ab dem ersten Tropfen und in JEDER Phase der Schwangerschaft. Schließlich nimmt der Fötus den Alkohol weitgehend ungefiltert über die Plazenta auf und hat noch keine körpereigenen Möglichkeiten, ihn wieder abzubauen. Auf seine Zellen, das Wachstum und die geistige Entwicklung des Fötus wirkt der Alkohol besonders schädigend. In Deutschland sind bei ihrer Geburt schon etwa 10.000 Kinder pro Jahr durch Alkohol geschädigt. Über 2.000 von ihnen weisen schwerste Entwicklungsstörungen auf. Fetales Alkoholsyndrom (FAS) oder Fetale Alkoholspektrumströrungen (FASD) werden diese oft lebenslangen Gesundheitsfolgen für das Neugeborene genannt.

Einige Tipps und viele Infos rund um Alkoholverzicht in der Schwangerschaft findest du auch bei Kenn-dein-Limit. Fällt es dir schwer, für die Zeit deiner Schwangerschaft auf Alkohol zu verzichten, wende dich bitte an einen Arzt, Suchtberater oder Therapeuten.