Brigittes Suchtgeschichte

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Meine Geschichte der Alkoholabhängigkeit beginnt wie die Geschichte vieler anderer, die an dieser Erkrankung leiden. Langsam und schleichend! Gelegentlich auf Partys das ein oder andere Glas, zu einem guten Essen, beim Kegeln, mal zum Frühschoppen und, und, und. Jeder Betroffene weiß, wovon ich spreche! Irgendwann dann auch alleine nach Feierabend (als Belohnung) und dann auch heimlich.
 
Und irgendwann kippt das Ganze. Du fährst morgens zur Arbeit und hast nur einen Gedanken im Kopf: Hoffentlich ist bald Feierabend, damit du dich mit dem ein oder anderen Glas belohnen kannst. Du findest jeden Tag aufs Neue einen Grund, um etwas zu trinken – guter Tag, schlechter Tag, Stress auf der Arbeit, Lob vom Chef, oder dein Kilometerzähler vom Auto springt auf eine Schnapszahl. Bei mir war es so!

Doch es gibt keinen Grund zum Trinken!

Im Jahr 2014 begab ich mich nach jahrelanger „Rumeierei“ in eine Langzeittherapie in die Bernhard-Salzmann-Klinik in Gütersloh. Das war das Beste, was mir passieren konnte. Ich hatte allerdings vorher die ENTSCHEIDUNG getroffen, mir helfen zu lassen. Außerdem war mir ganz klar: Ich bin krank, nämlich Alkoholkrank.

Ich erinnere mich noch genau an die Begrüßung des Chefarztes Dr. Kemper. „Als erstes möchte ich sie beglückwünschen, dass sie den Mut gefunden haben, sich in Therapie zu begeben!“

Ich war beeindruckt.

Nach drei Monaten intensiver Therapie verließ ich die Klinik völlig euphorisch, mit den Gedanken, was ich alles ändern werde.

Hatte ich doch wirklich gute Tipps und Anregungen von allen Therapeuten bekommen. Denen ich an dieser Stelle allen noch einmal meinen Dank aussprechen möchte. Ohne sie wäre ich jetzt nicht da wo ich bin.

 

Alkohol zerstörte mein Kleinhirn - der Rollator als ständiger Begleiter

Zuhause angekommen begann der Alltag, zwar nicht ganz so wie vorher, denn ich konnte nicht mehr arbeiten. Ich musste also Alternativen finden! Aufgrund meines jahrelangen Alkoholmissbrauches habe ich mir wichtige Gehirnzellen „weggesoffen“, die für die Motorik meiner Extremitäten verantwortlich sind. Ich bin mittlerweile auf einen Rollator angewiesen. Alkohol ist eben das schlimmste Nervengift! 30 Jahre Alkoholkonsum hinterlassen ihre Spuren! Ach, ich war übrigens Physiotherapeutin von Beruf.

Einmal pro Woche ging ich zur Nachsorge in die Diakonie Bad Oeynhausen, natürlich in Begleitung kompetenter Suchtberater. Einzelgespräche fanden nach Absprache statt. Schon zu dem Zeitpunkt wuchs in mir die Idee mich dort ehrenamtlich zu engagieren. Ich ging in die Selbsthilfegruppe „Betroffene für Betroffene“, eine gemischte Gruppe. Die Idee eine eigene Gruppe zu gründen wuchs immer mehr in mir. In Absprache mit den Suchtberatern, gründete ich im Juni 2015 eine Gruppe nur für suchtmittelabhängige Frauen. Mit drei Frauen gingen wir an den Start. Die Gruppe etablierte sich recht schnell und wir sind mittlerweile ein fester Kern von zehn Frauen.

Wir treffen uns 14-tägig und arbeiten intensiv an unserer gemeinsamen Erkrankung, sachlich aber auch emotional! Wir tauften uns auf den Namen „SELBSTWERT“.

Nach einer Weile war mir das zu wenig Aktivität. Da ich auch Kontakt zu dem Paritätischen Wohlfahrtsverband in Minden hatte, nahm ich Anfang 2017 an dem jährlichen Gesamttreffen der Selbsthilfegruppen im Kreis Minden-Lübbecke teil. An diesem Abend fanden auch die Neuwahlen für die Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen statt. Ich stellte mich der Wahl und wurde auf Anhieb mit den zweitmeisten Stimmen gewählt. Das tat meinem Selbstwertgefühl sehr gut.

Dann kam das – für mich – dritte Ehemaligentreffen in der Bernhard-Salzmann-Klinik in Gütersloh. Dort fahre ich jedes Mal wieder gerne und voller Stolz hin. Es ist toll die Therapeuten, die maßgeblich an meinem Weg in eine zufriedene Abstinenz beteiligt waren, zu treffen. Neben einigen Aktionen und Ansprachen finden auch jedes mal  Treffen auf den Stationen statt. Auf dieser Veranstaltung können die stationären Patienten, sowie die Ehemaligen in den Austausch gehen. Dieses Mal (September 2017) kamen verhältnismäßig viele stationäre Patienten, die auch sehr gezielte Fragen stellten. 

Eine wichtige hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt: „Wie ist denn das Leben nach einer Langzeittherapie?“

Dies hat mich dazu bewogen, mit Verena das Projekt suchtfrei-leben.de zu starten.

Es gab in meinem Leben sicherlich viele unglückliche Momente, sowie auch glückliche! Ich möchte Euch an einem meiner glücklichsten Moment teilhaben lassen:

Der Moment, wo ICH die ENTSCHEIDUNG getroffen habe, den Weg in eine zufriedene ABSTINENZ zu gehen.

Brigitte