Geduld

Suchtfrei-leben-Abstinenz-Geduld

Gib dir Zeit, Neues entstehen zu lassen

Wie lange warst du abhängig? Jahre? Jahrzehnte? Zu erwarten, dass dir dann die neuen Gewohnheiten und Ansichten aus z.B. 15-Wochen Therapie und einem halben Jahr Nachsorge bereits völlig in Fleisch und Blut übergegangen seien, führt nur zu unnötigem Druck. 

Allein schon dein Gehirnstoffwechsel braucht gut 3-12 Monate sich zu regenerieren. Wir haben unseren Synnapsen schließlich ein ganz ordentliches Feuerwerkt bereitet. Verständlich, dass dem Kopf ein nüchterner Sonnenuntergang o.ä. ersteinmal viel zu fad scheint. Das gibt sich aber wieder und du wirst dich auch wieder an den kleinen schönen Dingen des Lebens erfreuen können! Hab Geduld.

Es braucht auch Zeit, bis du dich an neue Abläufe gewöhnt hast, bis du dich nach der Zeit unter der “Käseglocke” einer stationären Einrichtung wieder zu Hause eingelebt hast und sich das suchtfreie Leben nicht mehr fremd anfühlt.

Nicht alles mag sofort klappen. Aus der Therapie kehren viele mit den grandiosesten Vorsätzen zurück. Würden am liebsten die ganze Welt trockenlegen. 

Bleib bei dir und lass es langsam angehen

Das erste Jahr der Abstinenz ist das kritischste. Die neue Lebenssituation ist noch nicht gefestigt, du hast dich vielleicht von schädlichen Freundschaften getrennt, stehst einer veränderten Jobsituation gegenüber.. Daher überfordere dich nicht mit überzogenen Erwartungshaltungen. 

Mit einer Wiedereingliederung gelingt die Rückkehr an deinen alten Arbeitsplatz sanfter. Es braucht auch ein paar Treffen, bis du in einer neuen Selbsthilfegruppe richtig angekommen bist. Und auch die Beziehungen zu deiner Familie / Partner müssen sich erst wieder neu finden, denn auch für Angehörige ist deine Veränderung eine Umstellung.

Vorsicht ist zunächst bei folgenden Situationen geboten:

  • Urlaub
  • neue Liebesbeziehungen / Partnerschaft
  • Partys / Festivals

Das muss nicht pauschal in einen Rückfall münden, aber überprüfe, ob du dich sicher und gefestigt genug fühlst, die Situation trocken / konsumfrei zu überstehen. Du brauchst darauf nicht dauerhaft zu verzichten! Aber gönn dir eine “Schonfrist” und taste dich langsam wieder ran.

Verena, dein 1. Urlaub nach der Therapie?

Fand 1,5 Monate nach meiner Klinikentlassung statt. Ich wollte die restliche freie Zeit nutzen, bevor ich ein neues Arbeitsverhältnis begann. Das Ziel habe ich mir sehr bewusst und risikoarm ausgesucht: 1 Woche Yoga-Urlaub im größten deutschen Ashram in Bad Meinberg. Eine komplett alkoholfreie Umgebung in idyllischer Natur, mit ayuvedischem Essen und Achtsamkeit hat mir sehr gut getan mein neues Körpergefühl zu festigen.

Partys, Feiern, Festivals?

Dass sich zum ersten Mal wieder konkret Alkohol in meiner Nähe befand, war ca. 3 Monate nach Klinikentlassung. Ein Grillabend mit Freunden. Diese Freunde wussten aber auch, dass ich in Therapie war und keinen Alkohol mehr trinken wollte. Sie hätten mir zuliebe auch verzichtet, das wollte ich jedoch nicht. Mich triggert es nicht, wenn Menschen in meiner Umgebung Alkohol trinken.

Ich ging vor der Therapie unheimlich gerne auf´s Vainstream-Festival. Die ersten beiden Jahre meiner abstinenten Zeit, habe ich von einem Besuch abgesehen. Inmitten von gut 10.000 derbe trinkenden Festivalbesuchern zu stehen, war mir doch noch zu heikel. Im 3. Jahr meiner Trockenheit war ich jedoch wieder dabei. Mit Freunden, die selbst wenig tranken und völlig unberührt vom alkoholischen Treiben um mich rum. Eine klasse Erfahrung.